KI muss unterstützen, nicht steuern
Was der gehobene Mittelstand aus dem Computerwoche-Interview mit Gerrit Kazmaier von Workday lernen kann.
In einem aktuellen Interview mit der Computerwoche bringt Gerrit Kazmaier, President Product & Technology bei Workday, eine Beobachtung auf den Punkt: Mit KI entsteht im Unternehmen erstmals ein weiterer „Intelligenzträger“.
Das klingt groß. Für Geschäftsleitungen im gehobenen Mittelstand ist es sehr praktisch. Die nächste Welle der Transformation betrifft nicht nur Systeme. Sie betrifft Arbeit. Rollen. Verantwortung. Und die Frage, wer entscheidet, wenn eine Maschine gute Vorschläge macht.
KI muss den Prozess unterstützen. Nicht steuern.
Die neue Rollenverteilung
Bisher war Automatisierung meist einfach zu beschreiben: Ein Prozessschritt wurde digitalisiert. Eine manuelle Prüfung fiel weg. Ein Beleg lief schneller durch.
KI verschiebt die Grenze. Sie kann Texte vorbereiten, Daten sortieren, Muster erkennen und Entscheidungen plausibel begründen. Aber Plausibilität ist keine Verantwortung. Genau deshalb muss die Leitplanke klar sein: Die KI unterstützt den Prozess. Sie übernimmt nicht die unternehmerische Steuerung.
Das passt zu unserer Arbeit mit Cloud ERP und Exact Online im Mittelstand. Erst braucht es saubere Prozesse, klare Daten und eindeutige Rollen. Dann kann KI helfen. Nicht umgekehrt.
Von Rollen zu Aufgaben
Kazmaier beschreibt im Interview, dass viele Jobs aus Bündeln einzelner Aufgaben bestehen. Wenn KI einzelne Aufgaben übernimmt, verändert sich automatisch die Definition eines Jobs.
Für den Mittelstand ist das kein abstrakter Organisationssatz. In vielen Betrieben tragen Menschen mehrere Hüte: Vertrieb und Export, Buchhaltung und Personal, Einkauf und Lieferantenklärung. Genau dort kann KI entlasten, wenn Aufgaben sauber getrennt werden.
Die Frage lautet also nicht: Welche Stelle ersetzen wir? Die bessere Frage lautet: Welche Aufgabe ist repetitiv, regelbar und datenreich genug, damit KI sie vorbereitet? Und welche Aufgabe braucht weiter Erfahrung, Kontext und Verantwortung?
HR ist kein Nebenschauplatz
Spannend ist Kazmaiers Hinweis auf Human Resources. HR sieht früh, welche Kompetenzen künftig fehlen, welche Aufgaben automatisiert werden können und wo Menschen neue Sicherheit brauchen.
Gerade mittelständische Unternehmen spüren Fachkräftemangel hart. Sie haben selten große Recruiting-Teams, Personalakademien oder Change-Stäbe. KI kann hier helfen: bei Bewerberkommunikation, Lernpfaden, internen Anfragen oder Kompetenzprofilen.
Aber auch hier gilt: Die KI darf nicht heimlich zur Bewertungsmaschine werden. Wer Menschen betrifft, braucht klare Regeln. Mehr dazu beschreiben wir im Beitrag Führung neu denken: Was KI wirklich verändert und im PRODVIS KI-Schulungsleitfaden.
KI gehört in die Kostenplanung
Ein Punkt wird in der KI-Debatte oft unterschätzt: KI kostet nicht nur Lizenzgebühren. Sie kostet Betrieb, Integration, Schulung, Kontrolle und Governance.
Für Geschäftsleitungen heißt das: KI darf nicht als lose IT-Ausgabe neben dem Budget laufen. Sie gehört in die Kapazitäts- und Kostenplanung. Neben Personal. Neben Software. Neben Prozessarbeit.
Wer heute ERP modernisiert, sollte diese Logik mitdenken. Denn agentische KI im ERP wird nur dann produktiv, wenn Datenbasis, Rollenmodell und Steuerung zusammenpassen.
PRODVIS Praxisimpuls
Starten Sie nicht mit der Frage, welches KI-Tool gekauft werden soll. Starten Sie mit drei Listen: Welche Aufgaben rauben Zeit? Welche Entscheidungen müssen menschlich bleiben? Welche ERP-Daten sind zuverlässig genug, damit eine KI überhaupt darauf arbeiten darf?
Was Geschäftsleitungen jetzt klären sollten
- Aufgaben trennen: Routine, Analyse, Vorschlag und Entscheidung sauber unterscheiden.
- Rollen neu beschreiben: Nicht nur Stellenprofile pflegen, sondern Verantwortungsräume klären.
- ERP-Daten prüfen: KI kann nur so gut unterstützen, wie Daten und Prozesse belastbar sind.
- KI-Kosten planen: Betrieb, Schulung, Integration und Governance gehören ins Budget.
- Menschliche Verantwortung sichern: Wo Wirkung auf Kunden, Mitarbeitende oder Finanzen entsteht, braucht es nachvollziehbare Freigabewege.
Die wichtigste Botschaft bleibt einfach: KI verändert Unternehmen stärker als ein weiteres Softwaremodul. Wer sie als Werkzeug für bessere Arbeit einführt, gewinnt Tempo. Wer ihr unklar Steuerung überlässt, baut Risiko ein.
Quelle: Gerrit Kazmaier, Workday, im Gespräch mit der Computerwoche: „KI muss den Prozess unterstützen – nicht steuern“, 15.07.2026.