PRODVIS Magazin · Wissen 19.07.2026 4 min Lesezeit
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Mehr Stunden sind noch keine Produktivität

Was der regulierte MedTech-Mittelstand aus der Mercedes-Debatte lernen kann.

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Produktivität entsteht nicht durch längere Anwesenheit. Sie entsteht durch bessere Entscheidungen, bessere Prozesse und klare Verantwortung.

Anfang Juli stehen vor dem Werkstor in Sindelfingen Tausende Mercedes-Mitarbeiter. In Sprechchören rufen sie „Ola raus“. Nach Gewerkschaftsangaben waren es in Sindelfingen rund 20.000 Beschäftigte, Mercedes sprach von 10.000 Teilnehmenden. Auslöser ist die vom Vorstand angekündigte „Produktivitätsoffensive für Deutschland“ und die Debatte um längere Arbeitszeit ohne Lohnausgleich (tagesschau/SWR).

Im Kern geht es um denselben Satz, der viele Menschen auf die Straße gebracht hat: Für dasselbe Geld soll mehr gearbeitet werden. In vielen Bereichen heißt das: weg von 35 Stunden, hin zu 40 Stunden. Auch Reuters berichtete über bundesweite Proteste der IG Metall gegen die Pläne, die Arbeitszeit zu verlängern und eine Sonderzahlung zu verschieben (Reuters).

Philipp Raasch, als Autopreneur in der Branche bekannt und selbst fast zehn Jahre bei Mercedes, bringt es auf den Punkt: Das ist keine Produktivitäts-Offensive. Das ist eine Arbeitszeit-Offensive.

Mit mehreren unserer PRODVIS-Kunden aus dem MedTech-Mittelstand habe ich mir deshalb eine andere Frage gestellt: Was kann eine stark regulierte Branche aus diesem Vorgang lernen? Wenn überhaupt.

Mercedes hat ein Nachfrageproblem

Mercedes steht nicht vor einem einfachen Kostenproblem. Der Konzern steht vor einem Marktproblem. Verbrenner-Kunden zögern. E-Autos verkaufen sich schlechter als geplant. Chinesische Anbieter bauen schneller, günstiger und oft näher an neuen Kundenerwartungen.

Die Antwort des Vorstands lautet: mehr Stunden, geringere Arbeitskosten je Stunde, mehr Präsenz. Aber mehr Stunden lösen kein Nachfrageproblem. Sie machen ein altes Modell nur länger.

Das ist die erste Lehre für den Mittelstand: Produktivität beginnt nicht bei der Uhr. Sie beginnt bei der Frage, ob das Unternehmen am richtigen Problem arbeitet.

MedTech startet von einer anderen Basis

MedTech-Mittelständler haben einen stillen Vorteil. Menschen werden älter. Sie brauchen Diagnostik, Implantate, OP-Instrumente, Spezialverbrauchsmaterial und verlässliche Versorgung. Diese Nachfrage verschwindet nicht, nur weil die Konjunktur schwächelt.

Deutschland ist Europas größter Gesundheitsmarkt. Germany Trade & Invest verweist auf den demografischen Wandel als zentralen Treiber: Bis 2035 wird mehr als ein Viertel der deutschen Bevölkerung 65 Jahre oder älter sein (GTAI).

Das ist kein Verdienst des Unternehmers. Das ist Demografie. Aber Demografie schafft ein Zeitfenster.

Regulierung ist Last. Und Schutzwall.

Viele MedTech-Firmen erleben Regulierung zuerst als Bremse. Technische Dokumentation, Nachweise, Audits, Rückverfolgbarkeit, Qualitätsmanagement. Alles kostet Zeit. Alles kostet Geld.

Gleichzeitig ist genau diese Regulierung ein Schutzwall. Medizinprodukte dürfen in der EU nicht einfach so in Verkehr gebracht werden. Der europäische Rahmen für Medizinprodukte und In-vitro-Diagnostika verlangt unter anderem Konformitätsbewertung, CE-Kennzeichnung, Marktüberwachung und Verantwortlichkeiten entlang der Lieferkette (Europäische Kommission).

Ohne Zulassung kein Verkauf. Das hält Billigkonkurrenz fern, die in der Automobilindustrie längst die Preise drückt. Ein E-Auto aus China gibt es. Ein Implantat aus dem Copy-Paste-Werk gibt es nicht.

Der Mittelstand hat kürzere Wege

Der zweite Unterschied liegt nicht im Markt. Er liegt in der Entscheidungsdistanz.

Bei einem Konzern entscheiden Vorstand, Aufsichtsrat, Betriebsrat, Großaktionäre, Analysten und Kapitalmarktlogik mit. Eine Kurskorrektur braucht Monate. Manchmal Jahre.

Im Familienunternehmen sitzt der Entscheider oft im Nebenraum. Er kann ein Projekt in einer Sitzung stoppen. Er kann einen Prozess ändern, bevor daraus ein Programm wird. Er muss keine Quartalsstory glattziehen.

Aber dieser Vorteil zählt nur, wenn er genutzt wird. Kurze Wege ohne Entscheidung sind kein Vorteil. Sie sind ein ungenutztes Recht.

Haftung verändert Führung

Der Mercedes-Vorstand haftet dem Kapitalmarkt. Der Geschäftsführer eines MedTech-Mittelständlers haftet oft mit dem eigenen Namen, der eigenen Unterschrift, manchmal mit dem eigenen Haus.

Das verändert das Verhalten. Wer selbst haftet, denkt seltener in Quartalen. Er denkt in Generationen. Oder sollte es zumindest.

Sicher ist deshalb kein Unternehmen. Auch MedTech-Betriebe scheitern: an Nachfolge, Finanzierung, träger Regulierung, schlechten Daten, falschen Systemen oder an sich selbst. Der Vorteil ist kein Freibrief. Er ist ein Zeitfenster.

Was jetzt zu tun ist

Die Lehre aus Sindelfingen ist nicht: im MedTech-Mittelstand muss jetzt jeder länger arbeiten. Die Lehre ist: Warten Sie nicht, bis der Markt Sie zwingt.

Prüfen Sie Ihre echten Produktivitätshebel: Durchlaufzeiten, Stammdaten, ERP-Prozesse, Schnittstellen, Qualitätsdokumentation, Freigaben, Lagerbewegungen, Rückverfolgbarkeit, Reklamationen. Dort liegt Produktivität. Nicht in der fünften zusätzlichen Wochenstunde.

Ein Unternehmen wird nicht produktiver, weil Menschen länger da sind. Es wird produktiver, wenn weniger Reibung entsteht.

PRODVIS Praxisimpuls

Wenn Sie Produktivität verbessern wollen, beginnen Sie nicht mit Arbeitszeit. Beginnen Sie mit einem Prozess, der heute zu langsam, zu manuell oder zu fehleranfällig ist. Dann messen Sie, wie viele Rückfragen, Nacharbeiten und Wartezeiten verschwinden.

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Nächster Schritt

Produktivität steckt oft im Prozess, nicht in der Arbeitszeit.

Wir prüfen mit Ihnen, wo ERP, Datenqualität, Schnittstellen und Freigaben heute unnötige Reibung erzeugen.