PRODVIS Magazin · Wissen 22.07.2026 4 min Lesezeit
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ERP-Projekte scheitern selten am System

Sie scheitern an fehlenden Leuten. Ein britischer Regierungsfall zeigt, warum das auch den Mittelstand betrifft.

ERP-Leitstand mit Warnhinweis in einem mittelständischen Produktionsumfeld. Bild antippen zum Vergrößern
ERP-Projekte geraten selten nur wegen der Technik in Schieflage. Oft fehlen die richtigen Menschen zur richtigen Zeit.

Die britische Projektaufsicht hat eines der größten ERP-Programme der Regierung mit der Note „Rot“ bewertet. Das ist die schärfste Stufe. Auf Deutsch: Es gibt schwere Probleme. Und sie wirken in diesem Stadium weder beherrschbar noch lösbar.

Das Programm heißt Matrix. Neun Ministerien sollen auf gemeinsame ERP- und HR-Systeme. Verträge im Umfang von rund 144 Millionen Pfund. Go-live war für Mai 2026 geplant. Jetzt rutscht der Termin Richtung Ende 2026, im günstigsten Fall. The Register berichtete am 20. Juli 2026 über die rote Bewertung und die Verschiebung.

Die Technik war nicht der Engpass

Hier beginnt der Teil, den jede Geschäftsleitung lesen sollte.

Die Aufsicht war klar: Die Kernprobleme am System waren weitgehend behoben. Die Technik funktionierte im Wesentlichen. Was war dann das größte Risiko für das gesamte Programm?

Die Ministerien konnten die internen Fachleute nicht freistellen, die für die Tests gebraucht wurden.

Lesen Sie den Satz noch einmal. Ein Programm über 144 Millionen Pfund. Jahre Arbeit. Es stockt nicht, weil die Software versagt hat. Es stockt, weil die Organisation nicht genug eigene Leute entbehren konnte, um vor dem Go-live zu prüfen, ob alles wirklich stimmt.

Kein Einzelfall

In derselben Woche erschien eine Auswertung zu Dutzenden großer ERP- und Transformationsprogramme. Ergebnis: Ressourcenmangel war das häufigste kritische Risiko, in 64 Prozent der geprüften Vorhaben. Planungsfehler folgten mit 52 Prozent. Die Technologie kam kaum vor. Consultancy.uk veröffentlichte die Auswertung am 9. Juli 2026.

Wer ERP-Projekte begleitet, kennt dieses Muster. Es ist der stille Killer. Und fast niemand plant ihn ehrlich ein.

Die Falle

Ihre besten Leute sind genau die, die Sie am wenigsten für das Projekt abziehen können. Die Fachexperten, die wirklich wissen, wie der Betrieb läuft, halten denselben Betrieb am Laufen. Ziehen Sie sie ins ERP-Projekt, muss jemand ihre Tagesarbeit übernehmen. Diese Vertretung wird selten geplant. Noch seltener finanziert.

Also läuft das Projekt mit dem, wer gerade Zeit hat. Das sind selten die Menschen mit dem tiefsten Prozessverständnis. Tests werden gehetzt. Anforderungen bleiben lückenhaft. Entscheidungen fallen ohne den vollen Kontext. Die Lücken zeigen sich erst beim Go-live. Dann ist die Behebung am teuersten.

„Wir finden die Zeit“ ist kein Ressourcenplan. Ebenso wenig die Annahme, das Team könne eine große Transformation neben dem Tagesgeschäft stemmen, ohne dass etwas bricht.

Drei Fragen an Ihr eigenes Programm

  1. Haben Sie die konkreten Personen benannt, deren Wissen das Projekt wirklich braucht, und deren Zeit formal geschützt?
  2. Gibt es einen echten, finanzierten Plan für die Vertretung im Tagesgeschäft, oder hoffen Sie, dass dieselben Leute beides schaffen?
  3. Wenn die Testphase kommt: Verstehen die Testerinnen und Tester wirklich, was „richtig“ bedeutet?

Was erfolgreiche Organisationen anders machen

Sie behandeln interne Kapazität als festen Bestandteil des Plans. Nicht als Nachgedanke. Das ist eine der unspektakulärsten Lehren der Branche. Und eine der am häufigsten wiederholten.

Denn das ausgefeilteste ERP-System der Welt ist wertlos, wenn die Menschen, die Ihr Geschäft verstehen, zu tief im Tagesgeschäft stecken, um es zum Laufen zu bringen.

Einordnung für den Mittelstand

Im Mittelstand gilt das noch schärfer als in der britischen Verwaltung. Weniger Puffer. Weniger Spezialisten. Mehr Wissen in wenigen Köpfen. Ein ERP-Projekt, das die Schlüsselpersonen nur „nebenbei“ mitnimmt, baut den Fehler von Anfang an ein.

Software ist selten der eigentliche Engpass. Organisation ist es. Wer das Budget für Lizenzen und Implementierung freigibt, aber nicht für Freistellung und Vertretung, kauft Verzögerung und Nacharbeit ein.

PRODVIS Praxisblick

PRODVIS begleitet mittelständische B2B-Unternehmen bei ERP, Prozessen und digitaler Transformation. Global denken, lokal handeln: Wir starten nicht beim Tool. Wir starten bei den Leuten, die den Betrieb tragen, und bei der ehrlichen Frage, ob ihr Wissen im Projekt wirklich verfügbar ist.

Nächster Schritt

Lassen Sie uns in einem kurzen Kapazitäts-Check klären, ob Ihr Programm für die kritische Phase wirklich besetzt ist: mit den richtigen Personen, geschützter Zeit und einem tragfähigen Vertretungsplan.

Quellen und weiterführende Belege

Originalimpuls: Eric Kimberling, Transformation Strategy Committee / Stratosphere, Fachbeitrag zum britischen ERP-Programm Matrix und zu Ressourcenrisiken in ERP-Vorhaben, Juli 2026.

Weiterführend: The Register zum Programm Matrix und Consultancy.uk zu den häufigsten ERP- und Transformationsrisiken.

Kapazitäts-Check

Sind die richtigen Leute wirklich verfügbar?

Wir prüfen mit Ihnen, ob Ihr ERP- oder Exact-Online-Vorhaben nicht nur technisch, sondern organisatorisch besetzt ist. Kurz. Konkret. Ohne Theater.