ERP-Transparenz ist Geschäftsführungspflicht
Was mittelständische Geschäftsleitungen aus Eric Kimberlings neuem ERP-Video, der S/4HANA-Debatte und dem Vital-Farms-Fall lernen sollten.
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Der vorangegangene PRODVIS-Beitrag zur S/4HANA-Debatte zeigte: ERP-Projekte scheitern selten an der Software. Sie scheitern an Scope, Daten, Organisation, interner Kapazität und Wandel. Eric Kimberlings Video „What Every Leader Needs to Know About ERP Implementations in 2026“ verschärft diese Aussage für Geschäftsleitungen: Führungskräfte bekommen häufig nicht die ganze Wahrheit über ihr ERP-Projekt. Kimberling warnt ausdrücklich vor zu viel Optimismus durch Softwareanbieter und Systemintegratoren.
Für mittelständische Geschäftsleitungen ist das keine theoretische Beraterdebatte. Es geht um Investitionen, Lieferfähigkeit, Kundenvertrauen, Datenhoheit und im Extremfall persönliche Verantwortung gegenüber Gesellschaftern, Banken oder Investoren.
“You need to have governance in place, you need to have controls in place to make sure you're managing those vendors and they're not managing you.”
Eric Kimberling, Third Stage Consulting, im Video „What Every Leader Needs to Know About ERP Implementations in 2026“.
Das Transparenz-Problem
Softwareanbieter verkaufen Zukunft. Systemintegratoren verkaufen Umsetzung. Beide Rollen sind legitim, aber nicht neutral. Kimberlings Punkt ist unbequem: Vendoren und große Integratoren haben eigene Interessen. Sie verdienen an Lizenzen, Laufzeiten, Change Requests, Erweiterungen und Beratungstagen. Deshalb ist die Darstellung oft optimistischer als die operative Wirklichkeit.
Die Geschäftsleitung übernimmt diese Rosinen-Darstellung dann schnell ungeprüft: in Lenkungskreise, Beiräte, Bankenrunden, Gesellschaftergespräche oder Mitarbeiterkommunikation. Genau dort beginnt das Risiko. Nicht weil jemand täuschen will. Sondern weil die Organisation irgendwann ihre eigene Projektfolie glaubt.
Vital Farms: Wenn ERP-Kommunikation zum Haftungsthema wird
Der Fall Vital Farms zeigt, wie ernst ERP-Transparenz werden kann. Nach öffentlichen Berichten wurde im März 2026 eine Securities Class Action eingereicht. Der Vorwurf: Das Unternehmen und Führungskräfte hätten den Status und die Risiken eines ERP-Rollouts zu optimistisch dargestellt, während operative Störungen und Folgen für Umsatz und Regalflächen bereits relevant wurden. Die Vorwürfe sind nicht gerichtlich bewiesen, aber sie zeigen die Richtung: ERP-Kommunikation kann zum Kapitalmarkt- und Haftungsthema werden. Panorama Consulting beschreibt den Fall als Beispiel dafür, wie ein ERP-Go-live zu einem Securities Case werden kann.
Der Mittelstand ist meist nicht börsennotiert. Aber die Logik ist dieselbe. Wer Banken, Beiräte, Gesellschafter, Kunden oder Mitarbeitende zu lange mit einem zu grünen Statusbild beruhigt, verliert Führungsglaubwürdigkeit. Spätestens dann ist ERP kein IT-Projekt mehr.
Fünf Erkenntnisse für mittelständische Geschäftsleitungen
Projektstatus ist fast nie einfach „grün“
Ein großes ERP-Projekt ohne relevante Risiken gibt es nicht. Wenn Statusberichte dauerhaft grün sind, ist das kein Beweis für Kontrolle. Es kann auch bedeuten, dass die entscheidenden Risiken nicht berichtet werden. Die Geschäftsführung braucht eine unabhängige, technologieneutrale Projektwahrheit, nicht nur Fortschrittsmeldungen derjenigen, die das Projekt verkaufen oder abrechnen.
Risiken verschwinden nie
Ein leeres Risikolog ist kein gutes Zeichen. Es bedeutet oft nur, dass Risiken nicht sauber gesehen werden. Jede Mitigation erzeugt neue Abhängigkeiten. Die meisten Risiken liegen nicht in der Technologie, sondern in Menschen, Prozessen, Daten, Verantwortlichkeiten und Strategie. Genau deshalb reichen technische Ampeln nicht aus.
Wettbewerbsvorteile nicht wegmodernisieren
Cloud-Standardlösungen homogenisieren Prozesse. Das kann sinnvoll sein, solange Standard wirklich Standard ist. Gefährlich wird es dort, wo das Unternehmen im Namen von Best Practice genau das verliert, was Kunden an ihm schätzen: besondere Lieferfähigkeit, Geschwindigkeit, Qualität, Branchenwissen oder flexible Sonderprozesse.
Prozesse und Daten sind geistiges Eigentum
Workflows und Daten stehen selten sauber in der Bilanz. Trotzdem sind sie Unternehmenswert. Kimberling formuliert es deutlich: Daten und Prozesslogik können Wettbewerbsvorteil sein. Vendor-Lock-in, API-Beschränkungen und ein zu enges Ökosystem sind deshalb keine technischen Fußnoten, sondern strategische Risiken.
Kein Business Case, keine Transformation
„Wir müssen modernisieren“, „Support endet“ oder „wir brauchen KI“ reicht nicht. Ein ERP-Projekt braucht einen risikobereinigten Business Case: Welche Kosten verschwinden? Welche Fehler werden reduziert? Welche Durchlaufzeiten sinken? Welche Kundenrisiken nehmen ab? Welche Daten werden besser nutzbar? Ohne diese Antworten sollte die Geschäftsleitung nicht starten oder die Strategie ändern.
Die Verbindung zur S/4HANA-Debatte
Die Computerwoche-Runde zu SAP S/4HANA zeigte, dass die Hürden der Transformation weniger in der Technologie liegen, sondern in Scope-Definition, Datenbereinigung und Change Management. Die Computerwoche beschreibt unter anderem Altlasten im Z/Y-Namensraum, Dubletten in Stammdaten und die Notwendigkeit klarer Priorisierung. Kimberling ergänzt die Führungsdimension: Wer Vendoren und Integratoren die Projektwahrheit überlässt, verliert die Kontrolle über genau diese Themen.
| Risiko | Frage der Geschäftsführung | PRODVIS-Schutzmechanismus |
|---|---|---|
| Zu grüner Projektstatus | Wer berichtet unabhängig von Lizenz- und Beratungserlösen? | Unabhängige Projektstandortbestimmung mit Blick auf Scope, Daten, Menschen und Go-live-Fähigkeit. |
| Vendor steuert die Agenda | Setzen wir selbst die Prioritäten oder folgen wir dem Anbieterpfad? | Geschäftsleitungsfähige Entscheidungslogik vor System- und Toolentscheidung. |
| IP-Verlust durch Standardisierung | Welche Besonderheiten sind Wettbewerbsvorteil? | Unterscheidung zwischen Ballast, Standardprozess und schützenswerter Differenzierung. |
| Daten- und API-Abhängigkeit | Bleiben unsere Daten und Prozesslogik nutzbar? | Architektur mit sauberem ERP-Kern, Schnittstellen und kontrollierten KI-Agenten. |
| Kein belastbarer Nutzen | Welche messbare Entlastung entsteht in 6 bis 12 Monaten? | Risikobereinigter Business Case mit Must-haves vor Nice-to-haves. |
Warum PRODVIS hier bewusst kundenseitig denkt
PRODVIS ist inzwischen auf Exact Online Premium spezialisiert. Das ist kein Geheimnis und auch kein Nachteil. Spezialisierung schafft Umsetzungstiefe. Aber strategisch vertritt und schützt PRODVIS ausschließlich die Interessen ihrer mittelständischen Kunden. Wenn Exact Online Premium passt, sagen wir das. Wenn Scope, Datenlage, Kapazität oder Business Case nicht passen, sagen wir das ebenfalls.
Gerade deshalb ist Exact Online Premium mit angebundenen KI-Agenten für viele operative Mittelständler interessant: Der ERP-Kern bleibt schlank. Firmenbesonderheiten werden nicht blind in den Kern hineincustomized, sondern über Prozesslogik, Schnittstellen und kontrollierte Agenten ergänzt. Das schützt Updatefähigkeit und Differenzierung zugleich.
Handlungsempfehlungen für die nächste GF-Sitzung
- Fordern Sie eine unabhängige Zweitmeinung zum Projektstatus ein, bevor Sie „grün“ nach außen kommunizieren.
- Verlangen Sie ein echtes Risikolog: Menschen, Prozesse, Daten, Tests, Go-live, Betrieb und Lieferfähigkeit.
- Markieren Sie die Prozesse und Daten, die Wettbewerbsvorteil sind und nicht standardisiert werden dürfen.
- Prüfen Sie API-, Daten- und Exit-Abhängigkeiten vor Vertragsunterzeichnung.
- Starten Sie nur mit einem risikobereinigten Business Case, der in Monaten operative Entlastung zeigt.
PRODVIS-Fazit
ERP-Transparenz ist Chefsache. Nicht, weil Geschäftsleitungen jede technische Entscheidung treffen müssen. Sondern weil nur sie den Interessenausgleich halten können: Anbieter nutzen, ohne sich führen zu lassen. Standardisierung nutzen, ohne Differenzierung zu verlieren. KI nutzen, ohne Kontrolle über Daten und Prozesse abzugeben.
Quellen
Fachimpulse: Eric Kimberling, „What Every Leader Needs to Know About ERP Implementations in 2026“, YouTube, 6. Juli 2026; Computerwoche, „SAP S/4HANA-Transformation zwischen Aufbruch und Realität“, 23. Juli 2026; Panorama Consulting zum Vital-Farms-ERP-Fall. Unternehmerische Einordnung: Wolf Schumacher, PRODVIS.